Freitag, 28. August 2009

Telefonat 2

„Häaah!“

„Ich hab’s, man. Mir ist einiges klar geworden.“

„Das Cantor’s Mengenlehre nur so’n Kommunistending war. Von wegen Schnittmenge.“

„Ne. Pass auf. Ich war eben in einer Kneipe. Da setzt sich dieser Typ neben mich, gibt mir ein Bier aus und fängt an mit seiner wüsten Theorie.“

“Man! Eben ist die Katze mit dem Kopf voll gegen die Klotür.“

„Absichtlich? Also der Typ erzählt mir was vonwegen er hätte da irgendwann dieses Gefühl entwickelt das er gar nicht wirklich existieren würde sondern nur als Gedanken von einer übergeordneten Existenz. Und das hätte ihn schier in den Wahnsinn getrieben. Also hatte er diese Idee das er nur etwas machen müsste das sich kein Mensch vorstellen könnte. Damit wäre dann bewiesen das er real existiert. Aber wie soll man etwas machen das niemand sich vorstellen kann. Wie? Er wurde da richtig hysterisch, sein Gesicht ganz dicht an meinem. Und wenn er sich etwas vorstellen könnte das er dann selbst machen sollte, aber nur in seiner Vorstellung, vielleicht wäre seine übergeordnete Existenz ja er selbst, dann würde er nur unmittelbar Existieren.“

„Unmittelbar Existieren?“

„Ja, man. Echt abgefahrener Typ. Fängt an mir zu erzählen das diese übergeordnete Existenz vielleicht, wenn nicht sogar wahrscheinlich, unendlich sein müsste. Und das er Mathematik und Philosophie studiert hätte.“

„Wie der Rach.“

„Genau das sag ich ihm auch. Da sagt er das hätte er auch recherchiert. Er hätte nämlich abends diese Sendung von dem eingeschaltet und plötzlich immer schon vorher gewusst was der den Leuten da von irgend so einer Entenbraterei empfiehlt. Das die nämlich wieder mehr Enten braten sollten und damit quasi ‚Back to the roots’ weil’s glaubhafter wäre. Das hätte der alles schon gewusst bevor der Rach das gesagt hätte.“

„Ich mag ja Ente nicht so.“

„Als kommt der Typ zu dem Schluss das der Rach seine übergeordnete Existenz wäre. Das war irgendwie so um das achte Bier rum. Und in dem Moment fängt auf dem Bildschirm über der Bar auf einmal, ohne Scheiß, die Sendung von dem Rach an. Also sag ich zu dem Barman er soll den Ton mal laut stellen. Da geht’s um eine Szenekneipe in Berlin wo keiner mehr hinwill. Und der Typ sagt das der Rach denen jetzt empfehlen wird die Küche sauber zu machen und die ganzen alten Möbel auszutauschen. Und, man, ohne Scheiß, das sagt der zwei Minuten später wirklich.“

„Achtes Bier was?“

„Also denkt der Typ er existiert nicht mal unmittelbar. Nein, er wäre eine Subexistenz vom Rach und ich natürlich auch. Und dann kommen so wirre Theorien. Der Rach und Jauch und Gottschalk und damals der Hansi Rosenthal das wären alles Über-Existenzen die sich quasi ihr Publikum selber ausdenken. Ich frage ihn ob der Bohlen da auch zugehören würde aber der wäre nur ein außer Kontrolle geratenes und fehlgeschlagenes Gedankenexperiment vom irren Elsner gewesen. Genauso wie die Landesbanken.“

„Wetten das? Wievieltes Bier?“

„Als ich dann irgendwann nach Hause schwanke denke ich noch mal über alles nach und da fallen mir so einige Merkwürdige Sachen auf.“

„Kann nich sein.“

„Ich in einer Kneipe? Alleine? Und dann läuft da ganz zufällig gerade die Sendung vom Rach. Hansi Rosenthal? Und weist du was er meinte zu wann diese Über-Ichse die totale Machtübernahme planen?“

„Dienstags?“

„Nein man, Neujahr!“

„Alles klar.“

„Is doch wohl ‚n bisschen viel zweideutigkeit oder. Das ja nicht nur ‚ne Zaunlatte, das ‚ne ganze Mauer voll übern Hinterkopf. Damit ich nämlich glaube das das ware Über-Ich, das Ich das wäre. Aber der Typ hat sich verraten.“

„Hier steht schon wieder ein fremder Typ in meiner Wohnung.“

„Ich bin auch nur ein Unter-Ich. Ich weiß auch von wem. Von diesem Nepomuk T. Spangler. Ich hab dir doch von dem erzählt."

„Ich frag mich wie der immer hier reinkommt. Ignoriert mich voll. Steht da und raucht.“

„Der Typ aus der Kneipe hat mir nämlich erzählt er wäre Feuerwehrmann. Feuerwehrman. Wie dieser Drache von Früher. Nepomuk. Ha!“

„Der hieß Grisu.“

„Quatsch. Wirklich? Muss ich überprüfen. Egal. Ich weiß wie ich uns aus der Nummer raushole. Der Typ hatte recht. Man muss nur etwas machen das niemand sich vorstellen kann. Aber nur bildlich. Verstehste? Mit Worten geht ja alles, aber bildlich hat Grenzen.“

„Hat’s?“

„Ja, erst dachte ich an so was wie sich selber aufessen aber das konnte ich mir dann doch vorstellen.“

„Uähh. Abartig.“

„Naja, so schlimm auch nicht.“

„Nein, der Typ hier in meinem Zimmer kackt gerade auf mein Bett.“

„Frag ihn nach seinem Namen. Stell dir einen Neundimensionalen Würfel vor.“

„Kann ich nicht.“

„Siehste! Das ist der weg.“

„Du kannst das?“

„Naja, noch nicht. Aber alter, man, das ist der Weg raus aus der Unter Existenz. Ich check jetzt diesen Spangler aus. Würde mich nicht wundern wenn der vorher schon weiß was ich denke.“

Donnerstag, 27. August 2009

Nicht Zielführend

Ich war immer der Meinung das es etwas individuell Allumfassendes geben müsse. Etwas das dich vollkommen ausfüllt, dir ein vollumfängliches Mass an Zufriedenheit gibt. Dauerhaft. Einen Sinn. Quasi das was man im halbvernebelten Alkoholrausch so bitterschmerzlich beinahe zu fassen bekommt. Immer nur beinahe.
Jeder muss doch ahnen das es sowas gibt.
Survivor rast im quasi vollvernebelt Alkoholrausch, betonung auf voll, an diesem 'Beinahe' vorbei richtung Zielführend. Ziel natürlich unbekannt. Dadurch wird der angestrebte Zustand allumfassenden Glückes zu einem Zwischending. Was ihn in der ganz persönlichen Situation von Survivor noch greifbarer und auch wahrscheinlicher wirken lässt. Das wiederum erscheint mir klischeehaft und abwegig wodurch ich schnell als sarkastisch und verbittert wirke.
Ein Trug. Ich habe genau die gleichen Sehnsüchte und Hoffnungen nur eine andere Emotionalität.
Kummulierend behalte ich mir die Vermutung vor, dass, verglichen mit einer altmodischen Kanone aus dem 14 Jahrhundert, deren Zielgenauigkeit erst durch mehrere Versuche bzgl. Anstellung der Steilheit ermittelt werden muss, meine Schüsse deutlich zu Kurz geraten, wohl aus Angst versehntlich das Ziel zu treffen/zerstören, während Survivor in einem Mix aus Raserei und Passivität immer wieder möglichst weit hinter oder vor das Ziel schiesst.
Der Unterschied liegt wohl in den Grauabstufungen die wir angeblich nicht in der Lage sind wahrzunehmen.
Metaphysisch gesehen.

Mittwoch, 26. August 2009

Telefonat

"Ähhh!"

„Spangler, die Tragik ist allumfassend. Das Ende streckt schon seine kahlen Finger nach mir. Streckt sich mit eisiger Entschlossenheit während meine Kräfte vollkommen aufgezehrt und matt zu Boden Fallen, gleich dem Herbstlaub.“

"...."

„Spangler? Bist du noch da?“

Wie war ich hierher gekommen. Soweit Abwärts. Weit hinter mir das Grollen der eisernen Räder und Achsen einer regionalen Bahn. Die harten Notsitzschalen zwischen den Waggons. Die Blätter am Walnussbaum vor meinem Fenster werfen tanzende Schatten. Ich bin eines dieser Blätter, eines das gerade zu Boden fällt.

„Du bist nicht real, du existierst nicht.“

Ein Gefühl das man in irgendeine Ecke stellt wie eine Zimmerpflanze der man kein Wasser mehr gibt.

„Aber wie soll das gehen? Spangler, man, du redest doch mit mir. Ich leide so sehr.“

„Leid ist nur die Art der Wahrnehmung eines Zustandes den wir nicht gewohnt sind. Ich kann dir nicht helfen. Du musst dir Zeit geben und wenn ich dich ablenke verzögert das nur die Effizienz der Anpassung. Und dein Leid, mein Freund, ist nur die Einbildung einer übergeordneten Person, die vielleicht", das betone ich dramatisch, "vielleicht, real existiert.“

"Spangler, man, zwei Frauen begehren mich ..."

"Hypothetisch, Ha." Und. "Vielleicht. Hättest du wohl gerne", denke ich, sage es aber nicht. Ich sage:

"Und du leidest, verstehe."

"Du weißt nicht, hast keine Vorstellung, wie schlimm das ist."

"Surviver, das Leben ist eine Hure. Eine wirklich üble Hure die dich nur Ficken will und am Ende, anstatt Geld zu verlangen, nimmt es sich einfach deine Seele."

"Seele Ficken? Wessen?"

"Deine Seele. Fick dir deine Seele raus alter!"

"Ja man. Seele rausficken. Aber mit welcher von den beiden?"

"Okay dann mach's mit mir. Ich steig jetzt in's Auto, bin gleich bei dir."

"Gott sei dank. Das hilft mir ungemein."

Ein Mann der Versucht mit seinem Körperfett das Universum auszufüllen.

Montag, 24. August 2009

Vollkommene Bestimmung

Es war, zu dieser Zeit, einfach modern das Hemd verkehrt herum zu tragen und nur den obersten Knopf zu schließen. Erinnerte uns an kalte und sterile Krankenhausflure.
Bres Jeen hatte beim Bowlen sein linkes Ei verloren und trug dieses nun in einem silbernen Zylinder um seinen Hals. Wer das Ei kontrolliert, kontrolliert Bres.
Zu dieser Zeit war das einfach so. Mit federndem Gang flanierten wir zu ausgewählten Disco Beats hell erleuchtete Wege hinab und die mit den dicksten Eiern hatten die meiste Kontrolle. Kontrolle über das Universum und den schimmernden Pfad aller Erleuchtungen. Bres nannten wir Wampi.
Wir dachten die Liebe, diese irre und wunderbare Liebe, würde uns durchströmen wie Elektrizität und wie Chemie. Diese beiden ungreifbaren Ideen aus denen im Ende alles wiederkehrt. Synapsen die elektrische Mikroladungen aussenden nur um damit chemische Botenstoffe, Eiweiße, zu erzeugen. Nichts anderes definiert das menschliche. Und trotzdem war es so ernüchternd als ich sein linkes Ei in meiner rechten Hand hielt.
Wie auch? Wie auch soll es Erfüllung bringen Bres zu kontrollieren? Jemand mit dem Gang einer Schwuchtel. Einer unglaublich fetten Wampe der Bier über alles Andere verherrlicht. Wozu? Im matten Licht eines zitternden und wabernden Mondes zerdrückt meine linke Hand sein rechtes Ei und auf einer metaphysischen Ebene ist das Bestimmung. Soviel Bestimmung wie das schamhaarkrause Fell hinter dem Ohr einer Katze.

Vollkommen Schwachsinnig.